isabellekaran

DER DSCHUNGE

WAS DER DSCHUNGEL MICH GELEHRT HAT

WAS FÜR EIN GESCHENK

Dass ich in den wilden Wäldern Zentralindiens leben darf, ist eines der grössten Geschenke meines Lebens.

Die Jahreszeiten sind hier selten sanft. Im Winter kann es eisig kalt werden. Im Sommer brennt die Hitze, und mit dem Monsun kommt der Regen in Strömen. Hier leben Tiger, Leoparden, Rothunde und Bären. Mich faszinieren auch die Reptilien, Spinnen und Insekten. Selbst nach all den Jahren entdecke ich immer wieder Insekten, die ich noch nie gesehen habe.

Seit achtzehn Jahren ist Kanha, die Gegend rund um den Nationalpark, mein Zuhause. Rund vier Monate im Jahr verbringe ich in der Schweiz, meiner ursprünglichen Heimat. Jeder dieser Orte hat seine eigene energetische Signatur. Wenn ich vom einen zum anderen wechsle, spüre ich, wie sich auch meine Art verändert, dem Leben zu begegnen.

Der Wald hat viele Schichten. Manche zeigen sich erst mit der Zeit, wenn du erlebst, wie die Jahreszeiten denselben Ort immer wieder verwandeln. Das Leben hier hat mir Seiten meiner eigenen Natur gezeigt, die ich in keiner psychologischen Ausbildung hätte kennenlernen können.

Der Dschungel ist atemberaubend schön. Aber er ist auch roh, unberechenbar und potentiell gefährlich.

Mit der Zeit erkannte ich: Das Gefährlichste im Dschungel ist nicht der Tiger, sondern mein eigener Geist. Geräusche können im Kopf zu wilden Tieren werden, obwohl es in Wirklichkeit nur Vögel sind, die sich im Busch bewegen.

Auch die Begegnungen mit Menschen aus der indigenen Gemeinschaft rund um den Dschungel haben mich tief geprägt. Wenn ich mit ihnen unterwegs war, fiel mir auf, wie leise sie gingen, wie sanft ihre Füsse die Erde berührten und wie selten sie in Eile waren. Sie sprachen, wenn es etwas zu sagen gab. Wenn sie nicht wissen, was zu tun ist, dann machen sie eine Pause. Warum rennen, wenn du noch gar nicht weisst, wohin?

Im Laufe des Lebens entwickeln wir ein Bild davon, wer wir sind. Zu meinem gehörten mein Name, mein Beruf, meine Ausbildungen und Abschlüsse, aber auch meine Erfolge und Verluste. All das gab mir Halt.

Im Dschungel fiel vieles davon weg.

Hier war ich erst einmal eine fremde weisse Frau, die nicht wusste, wie man ein Feuer macht. Meine Gedanken überschlugen sich.

Vieles von dem, was ich gelernt hatte und was mich geprägt hatte, half mir hier kaum weiter. Wer bin ich, wenn alles wegfällt, von dem ich dachte, dass es mich ausmacht? Ich hatte diese Frage nicht bewusst gestellt. Sie drängte sich mir auf, weil ich hier kaum einschätzen konnte, was um mich herum geschah.

I had trained as a yoga teacher, and my practice became a sanctuary. On my mat, I began to move quietly and to observe the sensations in my body without immediately trying to change them. If you don’t know what to do — pause.

Erst da merkte ich, wie sehr ich mich bisher über meine Beziehung zu meiner Umgebung verstanden hatte. Mitten im Dschungel die Sprache der Natur nicht zu verstehen, fühlte sich bedrohlich an. Ich hatte das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben.

Meine Yogapraxis wurde zu meinem Zufluchtsort. Auf der Matte war mir vieles noch vertraut. Ich begann, mich langsamer zu bewegen und wahrzunehmen, was ich im Körper spürte, ohne es gleich verändern zu wollen. Wenn du nicht weisst, wie es weitergeht, mach eine Pause.

Draussen im Dschungel zu meditieren, war eine Herausforderung. Überall waren Geräusche, Bewegungen und Gerüche. Selbst kleine Veränderungen in der Luft fielen mir auf. Ich blieb wachsam, weil ich nie genau wusste, was sich in meiner Nähe befand. In meinem Kopf konnte jedes Rascheln zu einem Tiger werden. Da war ich also: ein Säugetier mit hellwachen Sinnen, das noch lernen musste, was es da alles wahrnahm.

Am liebsten wäre ich zurück in die Schweiz gerannt. Dort kannte ich mich aus.

Mit der Zeit bemerkte ich, dass mein Körper auf seine eigene Weise lernte. Ich musste nicht alles mit dem Kopf erfassen. Ich konnte innehalten, lauschen und genauer wahrnehmen, was um mich herum geschah. Manchmal fühlten sich die Grenzen meines Körpers weniger fest an, und zugleich spürte ich den Raum um mich herum deutlicher. Nach und nach fühlte ich mich auch im Ungewissen sicherer.

Ich merkte, dass ich den Dschungel mit dem ganzen Körper wahrnahm, lange bevor ich verstand, was um mich herum geschah:

Ich wusste noch immer nicht, was als Nächstes geschehen würde. Aber ich konnte einen Moment still bleiben und meinem Körper Zeit lassen, wahrzunehmen, was tatsächlich da war.

 

Von Herzen